Gerry X »Chomskys Schweigen«
„Chomskys Schweigen“, was ist das für ein Werk? Im Grunde genommen eine dystopische Tragödie, ein episch festgehaltener Gedankengang, der die Geschichte eines Mannes erzählt, der aus der Nervenheilanstalt Prof. Dr. Dr. Muckefucks in die angebliche Freiheit einer Welt entlassen wird, die versucht, den Tod zu besiegen, zu verdängen, das Leben zu beschneiden. Selbstverständlich kommen nur sozial „Stärkere“ in den „Genuss“ der Innovation, unsterblich zu sein.
Chomsky hat für sich die mächtigste Waffe entdeckt, an die ein Mensch herankommen kann: Das Schweigen.
Und Chomskys Schweigen gedeiht. Tagsüber mittlerweile eher erfolglos damit beschäftigt, als Agent für „Neas Freitodmotel“ potentiell am Dienste einer derartigen Einrichtung Interessierte, sprich Lebensmüde, Todessehnsüchtige oder Todeswillige, zu finden, fristet er nachts sein Dasein damit, zu trinken, nachzudenken, Ratten zu töten und sich daran zu freuen, diese größten aller Evolutionswunder, die von unerschöpflichem Überlebensdrang nur so überschäumen, doch irgendwie umbringen zu können.
Nach einer einschneidenden Begegnung mit einer ihm nur scheinbar Unbekannten in seiner heruntergekommenen Wohnung ändert sich sein Leben. Er begreift nach und nach seine eigene Vergangenheit, erinnert sich an seine Zeit in der Aktivistengruppe „DRADT“, seine Zeit mit seiner Gefährtin Lena, seine Lyrik.
Irgendwo zwischen Geldmangel, Alkoholismus, Rattentöterei, Gedanken, dem Warten auf Meyers, der ehemaligen Kundenanwerbung, der DRADT, der Unbekannten, den Prostituierten seines Viertels, den improvisierten Gräbern am Straßenrand und dem Dasein in einer wirklichgewordenen Dystopie findet sich Chomskys Schweigen.
Sicherlich ein großes Werk voller Bilder und verstandraubenden Wortgefüge. Beschlossen wird es von einem Gedicht, „Letzter Gesang des Weltgeistes“, einem wunderbaren Text.
Emotionsentfesselnd und zum Weinen, dennoch originell, fernab von Klischees, sarkastisch und voller innovativer Ideen, dazu Bezüge auf philosophische Ansätze (beispielsweise Nietzsches ›Gott ist tot‹ - Theorie oder die der Ewigen Wiederkehr) und gefühlvoll. Liebe, Wahnsinn, Tod, Erinnerung und – zumindest für unseren Chomsky – fast ein Happy End, wenn auch eher einer anderen Art ... Großartig und berührend.
Lara Wäldler