Rabea Becker »Das Ding, das sich Herz nannte«

Was soll man sagen, wenn man das Buch einer noch so jungen Autorin aufschlägt und gleich das erste Gedicht zu Tränen rührt? Dies ist wohl ein klassischer Fall von vorschneller Unterbewertung, hervorgerufen durch altersfixierte Vorurteile.

Aus den Gedichten Rabea Beckers spricht eine jugendliche Stimme, die jedoch behaftet ist mit ganz erwachsenen Ängsten, Gefühlen, Sphären. Auf 72 Seiten öffnet die Autorin die Tür in Räume, die zu eng zum Atmen und zu groß sind, fliehen wollen zu dürfen. Es zeigt sich schnell, dass man die lyrischen Stücke nicht leichtfertig lesen kann, da sie zu dicht sind, zu angereichert mit verifizierbaren und verifizierten Gefühlen, zu schwer im schwerkraftbehafteten Raum.

Die Bandbreite der „Themen“, von denen man bei Lyrik ohnehin schon schwer reden kann, kann in einer kurzen Besprechung des Lyrikbandes freilich nicht vollständig erfasst werden. Dennoch seien einem interessierten Leser einige inhaltliche Kostproben nicht vorenthalten: Requiems an verlorene Zeiten und Menschen, kostbare Augenblicke, Inventuren einer grübelnden und liebenden Seele, die Begegnung mit einem rätselhaften Mädchen, die Zeit und der ewige Kampf um Freiheit und eigenen Frieden, und immer wieder - das Herz, Schlüsselsymbol des gesamten Werkes, säumen das Bild aus „Das Ding, das sich Herz nannte“.
Was soll man empfinden, wenn das Wort, besser die Bedeutung des Wortes „Herz“, dem Inbegriff der Liebe, des Gefühls, auf derart befremdliche Weise „verdinglicht“ wird? In dem Titel schwebt eine Schwere der Entfremdung, eine enttäuschte Feststellung einer von sich selbst forttreibenden Seele, zugleich wirkt es wie ein aus einer dystopisch anmutenden Zukunft (oder doch Gegenwart?) tönender Gedanke, in der Herzen, Gefühle, alles Seelische an Bedeutung verloren hat.

In diesem Lyrikband rotiert alles um den Drehpunkt „alles und nichts“. Man erlebt die leider sehr moderne Angst vor dem Untergehen, vor einem Verschlucktwerden. Es will etwas sein, was nicht sein darf. Aus diesem Bewusstsein tritt Rabea Beckers „Das Ding, das sich Herz nannte“ hervor und statuiert ein Exempel eines postmodernen Schicksals.

Visuell wird der Band unterstützt durch Schwarzweißbilder der Fotografin Christine Biegler. Die Bilder passen thematisch zu den Gedichten und geben dem Betrachter eine detaillierte Vorstellung von dem in den Worten gespiegelten Sinn.

Alles dreht sich um die blanke Existenz, die nicht beliebig ausgesprochen, sondern klar und doch bildreich vorgelegt wird. Selbstverständlich ist diese nicht leicht zu verdauen, spricht doch eine tiefere Stimme aus den Texten, eine Stimme, die feststellen muss: „Unser Abgrund war zu tief“.

„Das Ding, das sich Herz nannte“ ist ein empfindsamer Lyrikband einer in der „Schlacht des Unersättlichen“ kämpfenden Rabea Becker. Es lohnt sich. Berührend, wenn man liest:
„Was nützt es, auf endlosem Eis das Gehen zu lernen?“

Lara Wäldler