Philipp Blömeke »deine haut nah.«

Vor Jahresfrist hat uns Philipp Blömeke in höchstes Erstaunen versetzt, als er, gerade mal siebzehn Jahre alt, mit „in mir babylon.“ ein Debütwerk vorlegte, das in seiner Prosodik und seiner sprachlichen Eigenständigkeit den Vergleich mit weitaus bekannteren lyrischen Werken nicht zu scheuen braucht.

Nun ist Philipp Blömeke einen Schritt weiter gegangen. Er selber bezeichnet seinen neuen Text „deine haut nah.“ als lyrische Prosa, deren Bedeutung sich jedem einzelnen Leser anders erschließt, ja anders erschließen sollte. Wir wollen ihm darin nicht widersprechen. Es ist dies ein Amalgam aus Selbstgesprächen, ironischen Einschüben, Wanderungen durch die rätselvolle Zone, die wir zwischen Wachen und Traum anzusiedeln pflegen, scheinbaren Randereignissen, denen nicht zufällig ein parabelhafter Charakter innewohnt und Rückschlüsse auf das so genannte große Ganze nicht nur zulässt, sondern sie zu ziehen den Leser nachgerade dazu auffordert.

Das alles wird uns in einer Sprache nahe gebracht, die an Virtuosität nichts zu wünschen übrig lässt, und die gewissermaßen von dem Versuch eines Neubeginns gekennzeichnet ist. Fortlaufend werden Grenzen überschritten, Worte lassen sich nicht mehr so einfach zu Worten in Beziehung setzen, Dinge nicht zu Dingen, ständige Umformung ist hier die treibende Kraft, die auf nichts weniger zielt, als darauf, unsere Sinne wieder gebrauchen zu lernen. Wir erleben, wie hier ein junger Dichter aufbegehrt: gegen einen Sprachbrei, der sich adäquat und parallel zur Konformitätssucht entwickelt hat und jede fruchtbare Anregung, jeden neuen Impuls sofort zu ersticken droht; gegen den immer mehr um sich greifenden Virus der Austauschbarkeit von Standpunkten und Lebensentwürfen; gegen eine Welt, die lauthals der Weitsicht verpflichtet zu sein behauptet, jedoch unfähig ist, auch nur einen Millimeter weit über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Ein schmales Bändchen von nur 80 Seiten, gewiss, doch stellt es, wie wir meinen, so manch einen dickleibigen Wälzer, der mit dem Versprechen daher kommt, die Menschheit mit den neuesten Erkenntnissen auf diesem oder jenem Gebiet beglücken zu können, mühelos in den Schatten.

Walter Lauxtermann