Reina I. Vildebrand »Mongolenkind«

Mit bewegender Eindringlichkeit beschreibt uns Reina Ilona Vildebrand den Weg von Irina Willbrecht, die in der DDR der 50er Jahre in einem zunächst kommunistisch geprägten autoritären Elternhaus aufwächst und nach der Wende ihre Heimat westlich der ehemaligen Mauer sucht. In diesem Roman, der sich durch eine reiche Handlungs- und Personenfülle auszeichnet, spürt man auf jeder Seite die Kraft der Erzählerin, die dem DDR-Alltag, dem angeblich Nebensächlichen nicht weniger Bedeutung beimisst als dem großen Ganzen: dem Versuch, eine Utopie wahr werden zu lassen.

Der ungewöhnliche Titel »Mongolenkind« steht für Anderssein, Wildheit und Unangepasstheit, aber auch für den kulturellen Einfluss der östlichen Hemisphäre auf die Protagonistin. Diese verheddert sich erwartungsgemäß im engmaschigen Geflecht der DDR-Ideologie und -Wirklichkeit, in dem den einen eine Verbindung der Völker in Frieden und Freundschaft mehr als nur Lippenbekenntnis ist, während es den anderen, wie überall auf der Welt, hauptsächlich darum zu tun ist, sich Vorteile zu verschaffen. Dabei gelingt es Vildebrand, weder zu verurteilen, noch zu verklären. Die bildreiche, poetische Sprache, gepaart mit überzeugender Authentizität, lässt einen berührenden Film im Kopf des Lesers entstehen, und es ist nicht falsch, wenn er Rückschlüsse auf die Biografie von Reina Ilona Vildebrand zieht.

Wir tauchen ein in die Welt der lebensfrohen, wissbegierigen Irina, die schon bei ihren ersten Schritten ins Leben in die Mühlen einer einengenden Erziehung gerät, sich zunehmend unverstanden und unterdrückt fühlt, sowohl im Elternhaus als auch in der Schule. Diesem Gefangensein entflieht sie mit Hilfe ihrer Phantasie, was ihr nicht gerade Lob einbringt. Bis schließlich ein älterer Lehrer erkennt, was in dem scheinbar verschlossenen und lernunwilligen Mädchen vorgeht, welche Talente in ihm schlummern. Er verhilft ihr zu einem völlig anderen Stand bei Lehrern und Schülern, sie wird eine der Klassenbesten. Engagiert sich in der FDJ, hält die kommunistischen Ideale hoch. Doch die überall greifbaren Widersprüche in der DDR-Gesellschaft verändern allmählich den Blick der vielseitig Begabten. Sie übt Kritik, ohne jedoch das System in Frage zu stellen, plädiert für ein ehrlicheres Miteinander. Gleichzeitig rebelliert sie gegen Resignation und Heuchelei in ihrer Familie, deren fortschreitende Zerrüttung aus der verworrenen, mit der Schande eines entsetzlichen Verbrechens behafteten Geschichte der Eltern rührt, über die man viele Jahre den Mantel des Schweigens gebreitet hatte.

In der allgemeinen Aufbruchsstimmung zu Beginn der Ära Honecker gelingt der 18jährigen noch ein vielversprechender Karrierestart. Doch schon nach wenigen Jahren, als von der politischen Offenheit kaum mehr als eine Fußnote geblieben ist, manövriert sich die Materialistin, Wissenschaftlerin, Journalistin und Suchende mit ihrer kritischen Sicht und Wahrheitssuche in ein gefährliches Fahrwasser, in dem ihr nach und nach sämtliche Türen verschlossen werden. Nach dem Kulturschock der Wende und dem vermeintlich rettenden Umzug in eine Großstadt des Ruhrgebietes gerät sie in eine existenzielle und psychische Krise, übersteht das seelische Inferno, nicht zuletzt dadurch, dass sie die ihr bis dahin unbekannte Welt des Glaubens entdeckt. Ohne sich in bestehende christliche oder andere Schubkästen einzusortieren, bekennt sich die ehemalige Kommunistin und Atheistin schließlich zu einem Schöpfer, was sie nicht daran hindert, die Erkenntnisse der Evolutionsforschung weiter zu vertreten. Irina Willbrecht besinnt sich ihrer einstigen Träume und Hoffnungen, knüpft die schon verloren geglaubten Fäden neu, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden, beginnt zu schreiben. Alte Fotos aus dem Nachlass der Mutter werden zu Fenstern in die Zeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre, lassen Fanatismus, Ideologiehörigkeit, Selbstüberschätzung, Tod und Verderben, das Mysteriöse um Schuld und Sühne im Leben der Eltern lebendig werden. Und sie trifft dabei noch einmal auf jene, die sie in der ehemaligen DDR behinderten, ihre Träume beschnitten, für ihre Ziele benutzten. Begegnet früheren Freunden, die entweder ihr Mäntelchen in den Wind drehten oder nicht die Kraft hatten, sich der veränderten Realität anzupassen, die zu den Opfern der Wende gehören. Begreift deren und ihre eigene Zerrissenheit, ihrer aller zum Teil tragikomischen Versuche, die verblichene Tünche des „Alten“ und den glänzenden Lack des „Neuen“ miteinander in Einklang zu bringen. Wohl kaum ein Leser wird es versäumen, seine Vorstellungen über den Osten Deutschlands noch einmal zu überprüfen, wenn vor seinen Augen eine Welt lebendig wird, von der er so noch nie gehört und gelesen hat, und den meisten dürfte es am Ende des Buches keine Schwierigkeiten bereiten, lieb gewonnene Vorurteile abzulegen. Geschichte in menschlichen Schicksalen auf eine Weise darzustellen, dass auch die nicht an Politik und Historie interessierten Leser zu ihrem Recht kommen, gehört zweifellos zu den großen Stärken der Autorin. Mit Fabeln, in denen die Zwischentöne obsiegen, ein Kontrastreichtum zur Geltung kommt, der uns immer wieder in Erstaunen versetzt, in denen zupackend und sprachlich versiert eine Herausforderung bewältigt wird, an der schon viele gescheitert sind.

Himmel und Hölle – wie der Arbeitstitel des Buches über viele Jahre Lautete – sie liegen nicht im Osten oder Westen, wie zu erwarten war. Reina Ilona Vildebrand stellt uns frei, zwischen diesen beiden Welten zu wählen, die immer da sind – in unserem Inneren. Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen. Das ist es, was an diesem Buch Mut macht.

Joachim Jendroschek