Chris Goellnitz - »Traumfleisch«

Ein Buch mit dem Titel „Traumfleisch“ kann eigentlich nur ein Lyrikband sein. Spätestens seit Paul Celan haben zweisilbige Titel in der Lyrikwelt Hochkonjunktur. Doch bei dem neuen Werk von Chris Goellnitz ist etwas anders, denn die Sprache hat sich verändert.

Nicht, dass Goellnitz‘ Gedichte neumodisch oder gar neudeutsch gehalten wären  - ganz im Gegenteil. Aber seine Sprache ist so individuell und persönlich gestaltet, wie kaum ein anderer mir bekannter Dichter sie je verwendet hat. Wer an dieser Stelle nun kryptische Genitivmetaphern ohne erkennbaren Sinn vermutet, dem sei gesagt, dass er nicht weiter daneben liegen könnte. Chris Goellnitz benutzt uns bekannte Worte, wir begegnen häufig sehr anspruchsvollen Neologismen und bizarren Wortspielen, die allesamt eines an sich haben, was die niveauvollen Gedichte so sympathisch macht: Verständlichkeit ohne Konkretisierungen.

Moderne Lyrikveröffentlichungen haben leider häufig diese störende Eigenart, dass wir beim Lesen zwar dichterische Ästhetik und sprachliche Eleganz erkennen, aber leider der wahre Inhalt der Stücke unerkennbar tief verborgen bleibt – man gewinnt den Eindruck, die Gedichte seien nur für den Autoren selbst geschrieben worden. Nicht so hier: Chris Goellnitz schafft das Meisterliche. Er leistet auf lyrisch höchstem Niveau den Drahtseilakt, metaphorisch, schwebend, surreal und verworren zu schreiben und dabei gleichzeitig verständlich zu sein – ganz nebenbei gelingt ihm dabei sein eigener Schreibstil, der keine definierbaren Vorbilder erkennen lässt- scheinbar tänzelnd trifft er Wort für Wort genau das, was er höchstwahrscheinlich sagen will.

Inhaltlich gesehen wird „Traumfleisch“ von den Komponenten „Ferne“, „Sehnsucht“, „Schmerz“,  „Liebe“ und „Traum“ dominiert, es steht unter dem Banner des geballten Lebens. Der Dichter setzt sich hier mit urlyrischen Themengebieten völlig neu auseinander. Bizarr, verdreht, tiefsinnig und schmerzhaft trafen mich die Verse. Dies ist Lyrik mit und für das Herz, frei von den ewigen Klischees aus Selbstmord und romantischen Winternächten.
Chris Goellnitz hat berührende Gedichte geschrieben. Ihrem Titel werden sie mehr als gerecht – in jeder Hinsicht.

Der begeisterte
Andreas Beding