Oswald Henke „FSK 18 - Tendenziell menschenverachtend“

(Culex - Verlag, 2te Auflage, ISBN 978-3-9811-7689-6)

„FSK 18“ war das erste der drei bisher erschienenen Bücher Oswald Henkes, Kopf des Musiktheaters Goethes Erben. Jahrelang war dieser Titel vergriffen, bis er vor Kurzem im Duisburger Culex - Verlag komplett überarbeitet neu erschienen ist.

In „FSK 18“ findet sich unter anderen der »Goethes Erben«-Text »Fleischschuld«. Das zu diesem Text erschienene Video erhielt von der FSK keine Freigabe, da es nach deren Auffassung »tendenziell menschenverachtend« sei. Man fragt sich, nach welchen Maßstäben diese Entscheidung gefällt wurde, da die Bilder (teilweise Aufnahmen aus einer Metzgerei, zusammengeschnitten mit Sequenzen eines durch einen Wald laufenden Kindes) in keinster Weise direkte Gewalt an Menschen darstellen. Selbst Nachrichtenbeiträge zeigen blutigere Bilder als dieser Clip, was die Frage nach einer Verhältnismäßigkeit der Einstufung durchaus berechtigt erscheinen lässt.

Das Buch vereint das Schaffen Oswald Henkes bis zum Jahr 2003. Es enthält, neben Texten von Goethes Erben, die er 1989 gründete und durch deren Werke er bekannt wurde, auch Texte seiner Nebenprojekte VOX, Erblast und Artwort. Die Lyrik zum Goethes Erben Projekt „Kondition:Macht!“ sind nicht im Buch aufgeführt, können aber vom interessierten Leser in Oswald Henkes zweitem Buch „Spaziergang durch ein Mienenfeld“ nachgelesen werden, ebenso wie die Texte des erst nach 2003 aufgeführten Musiktheaterstücks „Schattendenken“.

„FSK 18“ beginnt mit Texten des Projektes VOX unter der Überschrift „DIE MENSCHHEIT GEHT RÜCKWÄRTS UND DAS IM KREIS“. In diesem Abschnitt findet man einen Rundumblick über die Menschheitsgeschichte. Angefangen im Paradies, über die Zeiten als das Volk geifernd nach Brot und Spielen schrie, bis hin in die Unendlichkeit, die hoffnungsvoll in der Zukunft wartet, um den Kreislauf erneut beginnen zu lassen.

Im zweiten Kapitel finden sich Texte von Goethes Erben, welche in sechs Blöcke unterteilt sind. Oswald Henkes Worte sind vielfältig und zeigen das ganze Spektrum menschlicher Gefühle. Ob sehr emotional, wie in „Pascal lacht“, wo sich eine Mutter an die Erinnerung an ihren Sohn klammert, oder eher kühl und analysierend, trotz emotional nicht weniger ergreifender Geschichte, wie in „Blau“, Oswald Henke schafft es auf viele Arten zu fesseln. Er haucht auf sprachlich sehr prägnanter Ebene einem Rebellen Leben ein, mit dem sich so manch ein Leser wohl gerne identifizieren möchte.
Teils rätselhaft oder doppeldeutig, erklärt sich der Sinn der einen oder anderen Textstelle erst bei genauerem Hinsehen. Von sanfter Liebeserzählung einer „Nacht der 1000 Worte“ bis eher makaber anmutenden Nächten, genauer gesagt der „letzte[n] Nacht“, werden sämtliche Aspekte des Lebens durchleuchtet. Es werden Situationen thematisiert, die im normalen Alltag oft stiefmütterlich behandelt oder überhaupt nicht angesprochen werden. Wer hat sich z.B. schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie Menschen, die im Koma liegen, eine Untersuchung empfinden? Fühlen sie Schmerzen? Begreifen sie, was um sie herum passiert? Ein Gedankenspiel, das nicht nur angenehme Schlüsse zulässt …

Der letzte Teil des Buches ist zwei weiteren Nebenprojekten Oswald Henkes gewidmet: Erblast und Artwork. Während bei Goethes Erben die deutsche Sprache im Mittelpunkt steht, ist die Welt von Erblast experimentierfreudiger und sie spielen mit fremdartigen Sprachen, ebenso wie mit ungewohnten Klangspielen. Doch auch Erblast hat viele Texte hervorgebracht, die in gedruckter Form ebenso kraftvoll und beeindruckend wirken, wie mit musikalischer Untermalung. Es ist vor allem interessant zu vergleichen, wie die Musik einen Text beeinflussen kann. Wirkt z.B. „Zweiglücksamkeit“ durch die leicht verspielte, fast schon tänzelnde Melodie beim Anhören des Albums „VI“ eher hoffnungsvoll, fallen einem beim Lesen die weniger Glück verheißenden Aspekte mehr ins Auge wie „[…] allein gelebt bleibt Einsamkeit“.
Dass es keine ganzen Sätze braucht, um eine Wahrheit unauslöschbar in das Gedächtnis eines Lesers zu brennen, zeigt sich eindrucksvoll bei Texten wie „Pure Aggression“. Ein weiteres Beispiel für das Gespür Oswald Henkes, Themen anzusprechen, die berühren und aufwühlen, ohne plakativ zu wirken. Das Fazit ist schlicht „Es ist pure Aggression […] zu schweigen“ - eine scheinbar harmlose Aussage, doch liest man diesen Text kurz nachdem man einem geliebten Menschen etwas verschwiegen hat, sei es aus Angst oder schlechtem Gewissen oder erlebt man gerade den unglaublich zermarternden Schmerz, der einen zerfrisst,wenn man hilflos auf Antworten hofft und stattdessen angeschwiegen wird, spätestens dann wird einem die bittere Wahrheit hinter diesen Worten bewusst. Das Buch endet mit einem Gedanken, der Hoffnung macht, selbst wenn er in bedrückenden Momenten gedacht wird: „Ich bin doch der Liebling, der Götter“. Ohne an dieser Stelle blasphemisch werden zu wollen, würde ich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage für Oswald Henke durchaus positiv beantworten, denn mit „FSK 18“ beweist er, dass die Götter ihn zumindest so sehr mochten, dass sie ihn mit großem Talent zum Schreiben beschenkt haben. Um „FSK 18“ vollkommen gerecht zu werden, müsste man zu jedem enthaltenen Text etwas schreiben, was jedoch hier den Rahmen sprengen würde. Aber jeder Text enthält eine Geschichte, ein Gefühl oder einfach nur einen denkenswerten Gedanken, so dass es sich lohnt, diese zu erkunden. Das Buch ist sowohl für Menschen interessant, die noch keine oder kaum Berührung mit der Musik Oswald Henkes hatten, da es sich ohne Zweifel um eine Sammlung lyrisch hochwertiger Texte handelt, die zwar durch Musik noch bereichert wurden, aber auch gedruckt nichts von ihrer Faszination verlieren. Für Fans und Bewunderer der Musik stellt „FSK 18“ ein wunderbares Nachschlagewerk dar. Sei es, weil man die gehörten Texte auch einmal in schriftlicher Form auf sich wirken lassen möchte, das ein oder andere Zitat sucht und nicht erst alle CDs aus dem Schrank kramen will oder einfach um hier und da mal zu schauen, wie der genaue Wortlaut eines Textes ist, den man im Lied nicht sofort klar heraushören kann.

Loredana Tavola